From Idiot To President

eine Spielerezension von Bernhard Zaugg - 01.11.2020
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From Idiot To President - Ausschnitt - Foto von Haarenwerk
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Lesezeit: ca. 5 Minuten

Das Spiel mit dem ketzerischen Titel ist ein Angriff auf all jene, die die Verteilung politischer Ämter ausschließlich mit Fähigkeiten und Verdiensten verbunden sehen. Die Vorstellung, dass ein Idiot zum Präsidenten eines Landes oder einer anderen Körperschaft werden könnte, wirkt geradezu frech und reichlich übertrieben. Und doch zeigt die Realität bekanntlich mit unschöner Deutlichkeit, dass tatsächlich nicht immer nur die Wägsten und Besten in Amt und Würden gelangen müssen.

Worum geht es bei From Idiot To President?

Zudem macht ein erster Blick auf das Spiel von Philipp Grasl und Florian Isensee (Haarenwerk) gleich von Anfang an klar, dass dessen Macher klarerweise die USA vor Augen hatten, wird doch bereits auf der ersten Seite der Anleitung von From Idiot to President auf die amerikanischen Vorwahlen hingewiesen und zeigt der große Spielplan eine Übersicht über die diversen Bundesstaaten der USA. Nicht gesichert ist dagegen, dass die Idee zum Spiel eine Reaktion auf die Wahl des jetzigen Amtsinhabers mit der orangfarbenen Gesichtshaut und der ebensolchen Haarpracht ist. Allerdings liegt der Verdacht gewissermassen auf der Hand - honi soit qui mal y pense

So eingestimmt und ausgerichtet nehmen wir also mit einiger Vorfreude und Erwartung den Kampf um die nötigen Wahlmänner für den Erfolg in den Vorwahlen zum neuen Präsidentschaftskandidaten in Angriff. Wir erhalten dazu als erstes je eine Charakter-, eine Attribut- und eine Typkarte, die offen ausgelegt werden, sowie eine geheime Hey-Schatz-Karte ausgeteilt. Zudem gibt es 30 Spielsteine in unserer Farbe als Heer der Wahlmänner, die in den diversen Bundesstaaten eingesetzt werden sollen.

Das Spiel selber geht über vier Runden, die jeweils absolut gleich verlaufen. Zu Beginn jeder Runde ziehen alle je zwei Schlagzeilenkarten der Anspruchsstufen 1-3. Die einfacheren sind leichter zu erfüllen, setzen aber auch nur eine begrenzte Anzahl Wahlmänner frei. Anschließend nimmt sich jeder reihum sechs Würfel und wirft diese einmal. Das Würfelergebnis kann allenfalls mit der Charakterkarte beeinflusst werden, die erlauben, eine ganz bestimmte Zahl, eine sog. Wählergruppe, in eine ausgewählte andere Zahl umzudrehen. Daraufhin dürfen entweder zwei beliebige oder sämtliche Würfel einer einzigen Zahl in das entsprechende Feld auf dem Spielplan verschoben werden. Das geht so lange, bis insgesamt 20 Würfel den jeweiligen Wählergruppen zugeordnet sind.

From Idiot To President - Material - Foto von Haarenwerk

Dann wird geschaut, welche Schlagzeilenkarten erfüllt wurden. Diese zeigen meist ein oder mehrere Würfelsymbole, die erreicht oder übertroffen sein müssen. Maßgebend dafür sind einerseits die Würfel der diversen Wählergruppen. Ebenso zeigen die offenen Attribut- und Typkarten der Spieler weitere Würfelsymbole, die ebenfalls hinzugenommen werden dürfen.

Die so freigesetzten Wahlmännersteine dürfen nun auf dem Spielplan abgelegt werden. Dazu wird die persönliche Spielfigur ausgehend von New York in angrenzende Bundesstaaten verschoben, wobei einmal pro Spielzug per Flugzeug eine beliebige, auch weiter entfernte Destination erreicht werden darf. War das Spielfeld noch leer, wird ein einziger Spielstein dort abgelegt. Und sonst muss die Zahl der gegnerischen Wahlmänner um einen erhöht werden, wobei die so übertroffenen Steine an den jeweiligen Spieler zurückgehen.

Liegen so in allen Bundesstaaten Wahlmännersteine, gibt es keine Flugbewegungen mehr. Hingegen dürfen zu Beginn des Zuges eigene Wahlmänner eingesammelt werden, um so anschließend mehr Steine verteilen zu können. Die dabei frisch eroberten Bundesstaaten tragen Bonuskarten ein, die weitere Vorteile bei der Ermittlung der Würfelergebnisse in der darauffolgenden Spielrunde versprechen. Dann werden die Schlagzeilenkarten abgelegt, egal ob erfüllt oder nicht erfüllt, und der nächste Spieler am Tisch eröffnet die neue Spielrunde.

Nach Abschluss der vierten Runde werden noch die Hey-Schatz-Karten ausgeführt, die jeder bis dahin verdeckt gehalten hatte. Sie können die Wahlergebnisse in bestimmten Bundesstaaten verändern oder die Anzahl Wahlmänner durch falsche Auszählung verdoppeln. Anschließend ermittelt jeder die Zahl der eigenen Wählerstimmen, wozu die Krawattensymbole in den gewonnenen Bundesstaaten zusammengezählt werden. Wer so die meisten Wählerstimmen erworben hat, gewinnt das Spiel, während bei einem Gleichstand die Lage in den vier größten Bundesstaaten in einer vorgegebenen Reihenfolge über den Ausgang der Partie entscheidet.

Lohnt sich From Idiot To President?

Das tönt alles einfach und klar und lässt auf ein peppiges Ringen um die Mehrheit in den diversen Bundesstaaten hoffen. Die ausdrucksstarke, kräftige grafische Gestaltung durch Carsten Fuhrmann trägt ebenfalls zur positiven Erwartungshaltung bei. Und dennoch erweist sich der Kampf ums Präsidentenamt der USA dann doch eher als laues Lüftchen, das niemanden zu packen vermag.

Das beginnt mit der doch arg begrenzten Einflussnahme der Spieler auf die Ermittlung der anfänglichen Würfelergebnisse. Diese werden maßgeblich durch die gezogenen Schlagzeilenkarten beeinflusst. Wer da nicht zufällig Mitstreiter erhält, die ähnliche Ziele verfolgen, beispielsweise sechsmal eine 3 oder sechsmal eine 4 (von total 20 Würfeln) hinzukriegen, hat kaum Chancen, die damit verbundenen Wahlmänner zu kriegen. Und ohne Wahlmännersteine gibt es keine Ausbreitung in den Bundesstaaten im Kampf um die jeweiligen Krawattensymbole.

Wer da nicht regelmäßig punkten kann, gerät rasch ins Hintertreffen und kann diesen Nachteil in den insgesamt nur vier Runde kaum noch aufholen. Andererseits möchte niemand zusätzliche Spielrunden über sich ergehen lassen, bleibt deren Ablauf doch stets identisch und überaus schematisch.

Vor allem fehlt auch jeglicher Bezug zum prägnanten, angriffigen Titel. Dass da ein Idiot die (Vor-) Wahl gewinnen könnte, ist nie ein Thema und geht im weitere Verlauf der Partie völlig unter. Da haben wir mit dem legendären Wahlspiel aus der Kreativwerkstatt von Urs Hostettler, dem Schöpfer von Krachern wie Kreml, Tichu oder Wie ich die Welt sehe, schon ganz Anderes und viel Witzigeres erlebt. Demgegenüber wirkt From Idiot to President wie ein typisches amerikanisches Produkt mit viel Show, die möglicherweise fast wichtiger ist als dessen Substanz. Das braucht nicht unbedingt schlecht zu sein. Aber meins ist es nicht.

Spieleinfo

Verlagsangaben
Spielerzahl: 
3-5
Altersempfehlung (ab bzw. von/bis Jahre): 
12
Spieldauer (Minuten): 
45
Jahrgang: 
2019
Spielkategorisierung
Fotos
From Idiot To President - Material - Foto von Haarenwerk
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