Spiel 17: Abseits des Mainstreams

Ein Herz für die hinteren Hallen

ein spielerischer Artikel von Alex Sch. - 02.11.2017
Die Galeria - der Schützengraben zwischen den Hallen - Foto Alex Sch.
Lesezeit: ca. 8 Minuten

Es gibt in Essen unglaublich viel zu sehen. Wollte man alles durchspielen, reichen selbst vier Tage nicht. Vom Haupteingang aus gelangt man zunächst in die großen Hallen mit den „Big Playern“. Den Schwergewichten unter den Verlagen in der Brettspielbranche. Hier kann ich mir sicher sein, dass ich jedes Spiel nachher auch im Laden bekommen kann. Viele davon werden in den örtlichen Spieleclubs auftauchen oder ein Freund kauft es sich. Zur Not auch ein Freund eines Freundes. Diese Spiele werden auch am Stärksten beworben. Im besten Fall habe ich schon Vorabrezensionen oder Interviews zu Spielen wie Nusfjord, der Fast Forward-Reihe oder Gaia Project und vielen anderen lesen können. Einschlägige Foren und YouTube-Blogger berichten Wochen im Voraus der Messe über nichts anderes. Und das Gros dieser Berichte kann in den Hallen 1 bis 3 gefunden werden. Es ist der Mainstream. Bei meinem ersten Besuch in Essen vor einigen Jahren hatte ich überhaupt nicht mitbekommen, dass es auf der SPIEL noch Ausstellungsfläche darüber hinaus gibt!

Essen besteht aber nicht nur aus diesen großen Hallen. Es gibt insgesamt acht von ihnen. Und ich bilde mir ein, sogar eine neunte gefunden zu haben, die nirgendwo auf den Plänen verzeichnet war. Dennoch ist der Andrang bei den Superstars der Brettspielwelt besonders groß. Die Menschenmassen sind hier buchstäblich fühlbar. Man wird angerempelt, muss sich hier und da durchzwängen, und auf einen Tisch wartet man gerne auch mal länger.

Ganz anders sieht die Welt in den hinteren Hallen aus! Bequem begehbare Gänge. Luft zum Atmen. Freie Spieltische. Bei 182.000 Besuchern sind natürlich auch hier viele Menschen unterwegs. Der Unterschied ist jedoch deutlich spürbar.

Um dorthin zu gelangen, muss man zunächst die lichtdurchflutete „Galeria“ durchqueren. Sie trennt die großen Hallen von den kleineren wie ein Schützengraben. Mit einem knurrenden Magen wird man das allerdings nicht schaffen, denn hier sind die Essensstände eng aneinander gereiht. Mit Kindern wird man auch kaum eine Chance haben, diesen Übergang zu den Hallen abseits des Mainstreams zu meistern, da allzu schöne und bunte Kinderspiele im XXL-Format zum Verweilen einladen.

Spiel '17: Was findet man abseits der Wege?

Vornehmlich ausländische Verlage. Bis hin zu regionalen Kleinstverlagen. Sehr auffällig ist hier allgemein, dass an den Ständen zunehmend weniger deutsch gesprochen wird. Vielleicht einer der Gründe, warum ich hier kein Drängegefühl verspürte. Zu diesen Ständen gesellen sich Shops mit Zubehör rund um das Hobby Brettspiel, hier findet man wirklich alles von T-Shirts bis hin zu metallischen Ersatzwürfelchen für Terraforming Mars (oder zum Pimpen anderer Brettspielkomponenten).

Die englische Brettspielseite Boardgamegeek (BGG) hat hier einen eigenen Stand, von wo sie mitunter live berichtet und wo man seine persönliche Rangliste direkt online posten kann. Als Dank gibt es Promos zu kaufen. Natürlich auf englisch.

In der Nähe findet man mit Dice Tower amerikanische YouTube-Blogger. In den USA (und auch hier) sind sie in Brettspielkreisen sehr bekannt. An deren Stand kann man zusehen, wie sie Spiele besprechen und ins Internet streamen. Promos zu Spielen wie Arcadia Quest oder Zombicide gibt es hier auch, allerdings zu unverschämten Preisen. Die Figuren sind exklusive für Dice Tower produziert, und das muss man auch bezahlen. So kommt eine einzelne Figur auf einen Preis von 25 bis 40 Euro. Das einzig Spektakuläre daran ist nicht die Miniatur selbst, sondern die geringe Verfügbarkeit. Schlimme Zeiten für Jäger und Sammler.

Natürlich sind auch deutsche Blogger vertreten. Hunter & Cron haben in Halle 8 einen eigenen Stand, an dem sie ebenfalls live für ihren Kanal Spiele anspielen und Interviews führen. Wer will, kommt in Drehpausen ins persönliche Gespräch und bekommt ein Autogramm. Nebenbei kann man hier Merchandising-Artikel kaufen und am „Glücksrad“ drehen, um vielleicht ein Spiel abzugreifen. Ben vom Brettspielblog hatte ich allerdings zuvor in Halle 3 getroffen.

Zwischendrin hielt ich mich länger bei „Broken Token“ auf. Sie bieten Sortiereinlagen für Brettspiele aus Holz, um Auf- und Abbau zu beschleunigen und den Raum optimal auszunutzen. Selbiges habe ich auch aus Kaltschaum gesehen, sogenanntes „Foamcore“. Architekten werden wissen, wovon ich spreche, denn daraus werden häufig Modelle gefertigt. Eines ist natürlich auch klar: Ein Brettspiel funktioniert tadellos auch ohne solche Einlagen. Wer jedoch bereit ist, für sein Hobby mehr Geld auszugeben, der wurde an ähnlichen Ständen eindeutig fündig. Ich habe mich schließlich dafür entschieden, mich selbst an die Fertigung eines solchen Inlays zu wagen. Ich hoffe, ich werde das nicht bereuen.

Spiel in den hinteren Hallen - Foto Alex Sch.

Prototypen sind ebenfalls ein Markenzeichen der kleineren Hallen. Hier wird von vielen Verlagen am lebenden Objekt getestet, was vielleicht irgendwann mal ein richtiges Spiel werden will. Die Spannweite der Qualität dieser Prototypen ist dabei riesig. Von aufgemalten Linien auf weißen DIN A 4-Papieren und Behelfspöppeln bis hin zu Plastikfiguren aus dem 3D-Drucker und fertigen Karten in Spielqualität habe ich alles gesehen. Sehr oft wird im Zuge dieser Vorabversionen auf eine kommende Crowdfunding-Kampagne hingewiesen. Diesen Trend konnte ich mehrfach feststellen. Was einerseits interessant ist, da ich mir schon mal ein Bild von einigen Spielen machen konnte. Live und in Farbe. Und Bunt. Allerdings würde ich Spiele, die ich für gut befunden habe, auch gerne gleich mit nach Hause nehmen. Das ist in diesen Fällen leider nicht möglich. Unter anderem konnte ich Batman: The Boardgame in Halle 6 vorab bestaunen. Das wird ein Miniaturenkracher. Ab Februar 2018 auf Kickstarter.

Batman: The Board Game - Foto Alex Sch.

Nicht nur vom Aussehen, sondern auch von der spielerischen Qualität her, hat mich in der ominösen unbekannten Halle 9 (vielleicht war es auch einfach nur ein Anbau von Halle 8) ein Prototyp sofort überzeugt: War of the Worlds: The New Wave von Jet Games Studio, einem russischen Kleinverlag. Es basiert auf dem Roman von H. G. Wells „Krieg der Welten“. Die Tripod-Miniaturen haben mich sofort überzeugt, und auch die Panzer und Kriegsschiffe der Menschenfraktion hatten ihren Reiz. Bei dem asymmetrischen Spiel für Zwei (Alien vs. Menschen) muss man sich ähnlich der Spielmechanik von „Dominion“ sein persönliches Deck im Spielverlauf zusammenstellen, jedoch zudem noch entweder die Spielkarte (Großbritannien) einnehmen beziehungsweise verteidigen. Das Einführungsspiel war einfach in den Regeln und bot einen Einblick in die taktische Tiefe. Nach gerade mal 40 Minuten stand fest, dass die Menschen die Erde mal wieder verteidigt hatten. War of the Worlds: The New Wave wird vielleicht ein Crowdfunding-Projekt. Das steht allerdings noch nicht fest. Es könnte auch noch einen Verlag finden, der es produziert. Mit etwas Glück wird auch ein deutscher Verlag auf diese kleine Perle aufmerksam.

War of the Worlds: A New Wave - Foto Alex Sch.

Zwischendurch schlenderte ich an Ständen mit Fantasy- und Horror-Artprints vorbei. Meine Frau würde den Kunstdruck mit dem „Monster“ Cthulhu, wie es aus dem Ozean aufsteigt, niemals im Wohnzimmer erlauben, aber meinen Geschmack treffen diese Bilder durchaus. Apropos Cthulhu: Auch Petersen Games hatte einen Stand in Essen. Sandy Petersen ist der geistige Vater des Rollenspiels Call of Cthulhu, und er erfand vor wenigen Jahren das Brettspiel Cthulhu Wars. Ebenfalls mittels Crowdfunding, wo er über 1 Million Dollar einnahm. Ich selbst erfuhr jedoch erst auf der SPIEL 2014 von diesem Horrorbrettspiel mit den gigantischsten Figuren, die ich jemals gesehen hatte (auch damals hatten sie einen Stand in einer der kleinen Hallen). Dieses Jahr wollte das Team von Sandy Petersen mit der deutschen Version von Cthulhu Wars bei seinen Fans punkten. Allerdings hatte der Zoll die Lieferung länger in Beschlag als gedacht. Was dazu führte, dass sie an den ersten beiden Tagen nichts ausstellen konnten. Dieses Schicksal teilten sie mit einigen weiteren Verlagen, meist amerikanischen. Der Zoll konnte einfach nicht glauben, dass ein Brettspiel diese Größe haben kann und auch noch 7 kg wiegen soll. Umso freudiger waren die Gesichter bei dem Team und auch den deutschen Fans, als am Samstag allen Widrigkeiten zum Trotz doch noch die Pakete ankamen. Ähnlich mitreißende Hintergründe und diese menschliche Nähe habe ich bislang nur bei den kleinen Verlagen mitbekommen.

Cthulhu Wars - Foto Alex Sch.

Wer neben dem Brettspiel auch das Rollenspiel als sein Hobby ansieht, wird ebenfalls hinter der Galeria suchen müssen. Die Sprache spielt hierbei weniger eine Rolle. Neben ausländischen Kleinverlagen mit Nischenspielen, sind auch deutsche Vertreter wie der Uhrwerkverlag hier zu finden.

Eines habe ich dieses Jahr gelernt: Wenn ich ein Spiel aus den Vorberichten wirklich haben will, muss ich es vorbestellen. Zum Glück habe ich das in den Fällen von Photosynthesis (Blue Orange Games) gemacht. Sonst hätte ich es nicht bekommen. Da es ein Mainstream-Spiel ist, hätte ich hierfür nur etwas Wartezeit nach der Messe investieren müssen. Aber ich habe kluger Weise auch Wasteland Express Delivery Service vorbestellt. Ein postapokalyptisches "Pick Up And Deliver"-Spiel. Am Stand von Pandasaurus Games waren ohne Vorbestellung keine Packungen mehr zu bekommen. Dank günstigem Dollarkurs und der Einsparung der Versandkosten, werde ich dieses Spiel auch in naher Zukunft zu diesem Preis kaum erstehen können. Dieses Wissen gab mir ein richtig gutes Gefühl.

Wasteland Express Delivery Service - Foto Alex Sch.

Was findet man in den hinteren Hallen?

Geschichten und Gesichter. Kontakte. Nähe (aber nicht ein bloßes Schlange stehen). Wahre Überraschungen.

Um es auf den Punkt zu bringen: kostbare Perlen. Aber sie werden nicht auf dem Silbertablett serviert. Man muss sie suchen. Zeit investieren. Sich mit dem Angebot viel intensiver beschäftigen. Nicht immer wird man dafür entlohnt, und die Zeit ist knapp bemessen auf der Messe. Dafür kann man hier noch wirkliche Geheimtipps entdecken.

Mehr Informationen zur Spielemesse 2017 in Essen

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