Messebericht: Spiel doch! 2019

Alles töfte im Pott!

ein Spiele-Artikel von Dirk Janßen - 03.04.2019
Spiel doch! 2019
Lesezeit: ca. 8 Minuten

Musste die Erstauflage der „Spiel Doch!“ 2018 noch zusammen mit den Ratingern Spieletagen um die Spielergunst buhlen, so gab es 2019 zur gleichen Zeit keine ähnlich gelagerte Veranstaltung. Einzig ein Frühlingshoch dürfte den einen oder anderen noch zu freizeitlichen Aktivitäten an der frischen Luft statt in einer alten Industrieanlage verleitet haben. Die Konkurrenz hieß dieses Jahr also Zoo, Biergarten und Minigolf.

Voll- und Tollhaus in Duisburg

Da der Frischling unter den Spielveranstaltungen sich 2018 gut geschlagen hat, war 2019 damit zu rechnen, dass nicht nur aufgrund der nicht vorhandenen Konkurrenz deutlich mehr Besucher kommen würden. Wobei Duisburg weit vom Essen Hype entfernt ist. Dennoch fand sich am Samstag eine beeindruckende Schlange vor der alten Industriehalle im Landschaftspark Nord, die sich nach Öffnung der Tore auch mit subtiler Hysterie in die Halle schlängelte frei nach dem Motto „First comes, first plays“. Auffällig war hier schon die starke Organisation, denn auch wenn man noch keine Karte hatte, ging der Verkauf unkompliziert und rasend schnell, so dass man nicht zuletzt durch die gut aufgelegte Einlasskontrolle schnell in die Halle gelangte. Hut ab vor dem Personal!

Perfekte Organisation, gute Luft und faire Preise

Die MenschSpieler auf der Spiel doch!enmasse vor der Halle verteilte sich dann auch schnell in der Location, sodass man ohne bestimmtes Ziel immer irgendwo einen freien Spieletisch ergattern konnte, obwohl wir zu Beginn sogar zu Siebt unterwegs waren. Bis wir uns dann nach einer Stunde auf ein Gruppenmaß von 5 Personen gesund schrumpften. Tücke bei dieser Spielermenge ist, dass immer noch viele Spiele auf 2-4 Spieler ausgelegt sind. Die deutsche Standardfamilie aus den 70ern scheint hier immer noch das Maß der Dinge zu sein.

Aber bleiben wir bei den positiven Punkten. 2018 gab es schon wenig zu nörgeln, 2019 war es aber eigentlich perfekt. Auffällig zu 2018 war, dass das Licht dieses Jahr deutlich angenehmer war und die Luft trotz vieler Menschen bis zum Ende hin gut blieb. Auch die allgemeine Geräuschkulisse blieb immer in einem angenehmen Rahmen, so dass man bis zum Ende hin angemessen konzentriert war. „Angemessen“, weil im Verlauf des Tages doch ein wenig die Aufmerksamkeit unter den zahlreichen Eindrücken nachlässt und man kurz vor Messeende müde aus der Halle wankt.Volle Tische und volle Gänge und dennoch viel Raum zum Spielen.

Weiterhin gehörten zu den positiven Punkten die fairen Preise an den Fressbuden (z. B. Pommes + Currywurst + Majo für 5,- Euronen) und die gepflegten sanitären Einrichtungen ohne Warteschlangen. Und das Ganze bei einem moderaten Eintrittspreis von 4,- €.

2019 gab es dann auch ein klein wenig mehr an Ausstellungsfläche und auch ein klein wenig mehr an Ausstellern, wobei man die grobe Aufteilung beibehalten hatte. Die großen Verlage blieben dabei auf den Flächen vom Vorgängerjahr.

Ich bin gekommen, um Spaß zu haben!

Wer jetzt eine Neuheitenschau erwartet, der wird enttäuscht. Ich bin im Gegensatz zu Essen vollkommen ziel- und planlos nach Duisburg gereist und habe mich treiben lassen. Wo ein freier Tisch war, haben wir uns niedergelassen und waren uns tatsächlich für kein Spiel zu Schade. Duisburg sollte purer Spaß werden und möglichst nicht in Arbeit ausarten. Wer etwas über die Frühjahrsneuheiten erfahren will, findet dies sicherlich an anderer Stelle bzw. zu anderer Zeit in diesem E-Zine. Oder auf den ständig wachsenden YouTube-Kanälen der alles wegfilmenden Spielgenossen.

Was wurde (an)gespielt?

Tokio Highway, nicht nur ein BauspielShadows: Amsterdam – Die Mischung aus Codenames, Mysterium und Dixit hatte ich schon in Essen angespielt. Konnte mich dort nicht überzeugen und in Duisburg auch nicht. Der Comicstil spricht mich nicht an und das Spiel reißt auch so nicht wirklich mit.

Just One – Hatte ich nach Essen bereits einmal in einer meiner Spielerunden gespielt. Auch wenn die Inflation von Wortspielen langsam eine haarsträubende Dimension annimmt, so muss man Just One lassen, dass es gut funktioniert und Spaß macht. Wer noch nicht genug von solchen Spielen sein eigen nennt, sollte Just One einmal antesten.

Tokio Highway – Hier hatte ich eigentlich ein plumpes Bauspiel erwartet, aber bei Tokio Highway muss man schon genau überlegen, wie und wo man seine Straßen baut, um möglichst viele andere Straßen zu überbauen, aber anderen Spielern nicht die Möglichkeit zu geben, überbaut zu werden. Hier ist nicht nur eine ruhige Hand, sondern auch ein wacher Geist gefordert. Kann in der richtigen Gruppe ordentlich Laune machen.

Calavera, ein Würfelspiel von MosesCalaveraQwixx, Noch mal!, Ganz schön clever, etc. Calavera schlägt genau in die Kerbe, allerdings gilt es hier nicht, möglichst viel wegzustreichen, sondern zu schauen, dass man in einem bestimmten Bereich endet, weil man sonst Minuspunkte bekommt. Bei der Nummer ist also ein gutes Timing gefragt. Gar nicht schlecht, aber ich weiß nicht, ob wir nicht inzwischen genug Würfelspiele im Schrank haben.

Bears vs. Babies – Ich suche immer noch nach den Regeln, auch wenn ein hochmotivierter Erklärbär sie uns erklärt hat. Mir scheint, dass man im Kern nur skurrile Kampfkreaturen zusammenbastelt, um darüber zu vergessen, dass das Spiel sonst nicht viel mehr zu bieten hat. War für den Moment lustig, riecht aber nach Staubfänger.

Tags, Wortspiel a la Stadt, Land, Fluss mit MurmelnTags – Und noch ein Wortspiel. Stand, Land, Fluß für Hyperaktive, die gerne beim Spielen noch hektisch Murmeln sammeln wollen. Funktioniert zu Viert nur so tralala, weil für mindestens einen die Kategorien immer auf dem Kopf stehen und schwer lesbar sind. Und weil man aufgrund des großen Zeitdrucks den größten Murks reinbrüllt, um Kugeln mitzunehmen. Kann man, muss man aber nicht machen.

Twin it! - Dobble & Co.-Fans aufgepasst, denn Twin it! könnte etwas für Euch sein. Auch hier muss man zwei identische Karten finden, allerdings können die passenden Karten sowohl in der ständig wachsenden Auslage in der Mitte als auch auf dem eigenen oder den Kartenstapeln der Mitspieler liegen. Und diese Karten haben psychedelische Muster. Das ist wie auf LSD einen Tapetenladen in den 70ern zu besuchen. Coole Nummer.

Saboteur: The lost mines – Das Kartenspiel kenne ich nicht. Das Brettspiel werde ich nicht näher kennenlernen. Irgendwie viel heiße Luft um nichts. Alle waren gelangweilt.

X-Code – Simples Spielprinzip, aber wirklich spaßig und mit zunehmenden Leveln auch immer aufreibender und schwieriger. Sollte man aber in einer großen Gruppe spielen. Zu Zweit sicherlich kein Burner, aber zu Fünft hat es mächtig Spaß gemacht. Und nach 5 Runden hatten alle immer noch Bock.

Lighthouse Run – Was nach einem netten Kinderspiel ausschaut, bringt dann doch die Birne zum Glühen. Hier geht es darum, die passenden Leuchttürme an- bzw. auszuknipsen, die idealen Karten zu spielen und darüber seine Boote bis zum Spielende möglichst weit zu ziehen. Material ist toll – besonders die Leuchttürme.

Twin it!, Doodle im LSD-RauschPechvogel - Wenn man damit beschäftigt ist nachzudenken, an wen einen die Erklärbärin erinnert, verpennt man am späten Nachmittag schon einmal ein wenig die Regeln. Daher misslang mir der Einstieg in Pechvogel phänomenal schlecht und hätte eine Auszeichnung verdient. Andererseits hatten mich auch nur die Aussicht auf kostenlose Pechkeske und die charmante Erklärbärin an den Tisch gelockt, da ich eigentlich wenig Lust auf das nächste Würfelspiel hatte. Dumm nur, dass alle anderen Pechvogel spaßig fanden und ich voll abgenudelt bin. Pechvogel ist sicherlich ein ganz gutes Würfelspiel, aber auch nichts, was man unbedingt haben muss.

Subtext - Und auch die Edition Spielwiese beteiligt sich am Wort- und Malspielhype und haut mit Subtext das gefühlt Millionste Spiel dazu raus. Subtext kommt dabei ein wenig wie Dixit, wo man selbst malen muss, daher. Das dürftige Spielmaterial, allen voran der viel zu kleine Malblock, laden dann aber nicht wirklich zu kreativen Orgien ein. In unserer Runde war schneller die Luft raus als aus einem geplatzten Luftballon. Wer malen will, sollte eher zu Spielen wie "Stille Post Extrem" oder "Mutabo" greifen.

Avacoda Smash!- Sicherlich nicht ohne Grund auf der Messe ausverkauft. Simples aber herzliches Reaktionsspiel, bei dem man Karten mit Avocados ablegt, die eine bestimmte Zahl haben und dabei hochzählt, d. h., spiele ich als erster eine Karte mit bspw. vier Avocados, sage ich dennoch „Eine Avocado“, der nächste sagt „Zwei Avocados“, auch wenn auf der Karte eine andere Zahl ist. Stimmen allerdings die Zahl auf der Karte und die genannten Avocados überein, müssen alle schnell auf den Kartenstapel hauen. Oder wenn zwei aufeinanderfolgenden Karten die gleiche Zahl besitzen. Oder wenn eine „Smash“-Karte kommt. Wer als letzter zuschlägt, bekommt den gesamten Kartenstapel. Vorsicht bei der „Guacamole“-Karte. Hier wird nicht daraufgehauen, sondern schnell „Guacamole“ gerufen. Wer als letzter ruft, bekommt wieder alle Karten. Kein Brainer, aber hat in unserer Gruppe für mächtig Stimmung gesorgt.

Sumo Slam! - ScSumo Slam! Schweinerei mit Sumoringernhweinerei kennen sicherlich alle. Die Nummer gibt es jetzt mit Sumoringer. Wenn man an der Reihe ist, würfelt man die zwei Sumoringer und muss gucken, dass die beiden Herren im Ring landen. Je nach Figur erhält man keine, Minus- oder Pluspunkte. Klingt öde, aber zum Abschluss des Tages war die wüste Würfelei genau der richtige Absacker. Im Gegensatz zu den blöden Schweinen von damals sind die vorgegebenen Figuren gar nicht so abwegig zu erwürfeln. Die Kunst liegt mehr darin, im Ring zu bleiben.

Fazit zur Spiel doch 2019

Die Spiel doch! macht als Messe alles richtig, so dass auch im Nachgang die Resonanz durchweg positiv war. Da der Zuspruch zu 2018 auch deutlich gestiegen ist und davon auszugehen ist, dass auch in 2020 mit einem Plus zu rechnen ist, wird man sich sicherlich überlegen, wie man das Ganze toppen kann. Schön wäre es allerdings, wenn diese Messe das bleibt, was sie ist: Ein kleiner, gemütlicher, beinahe schon familiäre Event. Tipp: Wer mit dem eigenen Wagen anreist, sollte die Kutsche vorher nicht waschen. Nach dem staubigen Parkplatz sieht das Gefährt nämlich aus wie durch den Kakao gezogen. Das Geld kann man besser in Spiele investieren.